10.02.2011

HIRNFORSCHUNG: EIN INTERVIEW MIT PROF. DR. GERALD HÜTHER, NEUROBIOLOGE

Foto: Wohlrab
Foto: Wohlrab

Den Referenten des Symposiums "Kunst fördert Wirtschaft" verdanken wir viele spannende Einblicke über das Thema hinaus. Wir veröffentlichen von Februar bis August Interviews mit den Wissenschaftlern, Künstlern und Unternehmern, die auf dem Symposium zu hören waren und uns Fragen zu ihrer Arbeit und ihren Denkansätzen beantworten.

Die Reihe beginnt mit dem renommierten Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Hüther (Universität Göttingen), dessen vielschichtiger Vortrag die Teilnehmer trotz abendlichem Hunger mit Zugabe- Rufen gebannt auf ihren Stühlen hielt. Er verbindet Erkenntnisse aus dem Bereich der Hirnforschung mit system- und evolutionstheoretischen Ansätzen. Er stellt die Entwicklung persönlicher Potenziale in den Mittelpunkt der Bildung und zeigt uns, auch persönlich, wie Begeisterung unser Gehirn beeinflusst.

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ZUR PERSON

Prof. Dr. Gerald Hüther studierte Biologie in Leipzig, wo er auch promovierte. Nach seiner Flucht aus der ehemaligen DDR Ende der 1970er-Jahre befasste er sich bis 1989 befasste er sich am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen mit Hirnentwicklungsstörungen. 1988 habilitierte er sich im Fachbereich Medizin an der Universität Göttingen und erhielt die Lehrerlaubnis für Neurobiologie. Von 1989 bis 1994 baute er als Heisenberg-Stipendiat der DFG die Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen auf, die er seitdem leitet. Am 21./22. November sprach er im Rahmen des Symposiums „Kunst fördert Wirtschaft“ in Dortmund zum Thema „ Was die Wirtschaft von der Hirnforschung lernen kann“.

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INTERVIEW

Sie selbst bezeichnen sich als „Brückenbauer“ zwischen wissenschaftlicher Forschung und gesellschaftlicher bzw. individueller Lebenspraxis. Welche Brücke kann man als Neurobiologe zu den Wirtschaftsexperten bauen?

Prof. Dr. Gerald Hüther: Ökonomen wollen klare Fakten und Beweise, die lassen sich nicht so leicht auf eine neue Idee oder Betrachtungsweise ein. Und auf wohlmeinende Appelle und schöne Reden auch nicht. Aber wenn man ihnen naturwissenschaftliche Befunde und Erkenntnisse präsentiert, dann hören Sie schon zu.

Wie reagieren Manager und Führungskräfte, wenn Sie sagen, dass die Wirtschaft etwas von der Hirnforschung lernen kann?

Hüther: Das sage ich denen ja nicht. Ich erzähle ihnen nur, was die Hirnforscher inzwischen alles herausgefunden haben und lade sie ein, darüber nachzudenken, ob sie davon etwas für sich gebrauchen können. Meist finden sie das interessant und manche sind sogar am Ende recht dankbar, auch noch ein Jahr später, wir mir manche berichten, wenn ich sie dann wiedertreffe.

Um in der Sprache der Wirtschaft zu bleiben: Ist das Gehirn also unser eigenes Unternehmen, in dem wir der Manager sind? Je nachdem, wie wir also investieren/aufbauen/ausgeben, wird es wachsen und florieren oder eingehen?

Hüther: Ein Unternehmen oder eine Organisation ist ein Beziehungssystem, unser Gehirn auch. In beiden Fällen kommt es nicht darauf an, aus wie vielen Mitarbeitern bzw. Nervenzellen es besteht, sondern wie gut die miteinander vernetzt sind, sich austauschen und zusammenwirken, um das optimal zu leisten, was der Betrieb oder das Gehirn zu leisten hat. Wenn die Beziehungen der Mitarbeiter nicht mehr konstruktiv sind, wenn jeder dem anderen etwas vormacht und sich keiner auf den anderen verlassen kann, geht jedes Unternehmen schnell bankrott. Wenn die Nervenzellen jemals auf die Idee gekommen wären, dass jede macht, was sie will, hätten sie es überhaupt nicht geschafft, ein funktionsfähiges Gehirn auszubilden. Die Frage funktioniert also so nicht: was wir „ich“ nennen ist ja ein Konstrukt, eben dieses eigenen Gehirns. Das wäre so, als ob der Manager einer Firma etwas wäre, was sich die Firma selbst erst ausgedacht hat.

In die andere Richtung gedacht: sind Denk-Prozesse, die zu Innovationen führen, Kapital für das Gehirn? Bringt die Innovation also nicht nur uns persönlich, sondern auch unser Gehirn weiter?

Hüther: Ich weiß ja nicht, wohin Ihr Gehirn will, wenn Sie „weiter“ sagen. Primär „will“ es (wenn man das überhaupt so bezeichnen darf), das alles passt, alles harmonisiert und synchronisiert ist, was da oben abläuft, denn das ist der energetisch am wenigsten aufwendige Zustand. In einer sehr einfachen Welt, also beispielsweise vor dem Fernseher, braucht man ein möglichst einfach strukturiertes Hirn. Da ist es ungünstig und da fühlt man sich auch nicht wohl, wenn das Gehirn zu komplex wird. Und in einer komplexeren Welt kommt man mit einem nur notdürftig vernetzten Gehirn nicht weiter…

Nutzen wir unser Gehirn denn überhaupt richtig und vor allem vollständig?

Hüther: Wenn wir es so benutzen, wie es notwendig ist, damit wir uns in der Welt zurechtfinden, dann benutzen wir unser Gehirn auch richtig. Ob wir es dabei mehr oder weniger vollständig benutzen, ist dabei völlig egal. Diejenigen, die ihr Gehirn so nutzen, dass sie sich in ihrer Welt nicht zurechtfinden, sind immer nur eine kleine Minderheit. Die steckt man dann in Irrenanstalten, weil keiner Lust hat, sie persönlich Tag und Nacht zu begleiten, damit sie sich mit Hilfe dieser Begleitung doch einigermaßen zurechtfinden.

Sie schreiben, dass die Expression der genetischen Anlagen des Menschen zunächst zur Herausbildung eines Überangebots neuronaler Vernetzungsmöglichkeit im sich entwickelnden Gehirn führt. Schlussendlich bleiben uns aber nur die Vernetzungen erhalten, die wir regelmäßig und häufig aktiviert haben und aktivieren. Muss man also stetig denken, um sozusagen „im Training“ zu bleiben?

Hüther: Unser Gehirn ist ja nicht zum Denken da, sondern dazu, dass es die Beziehungen der Organe und Organsysteme innerhalb unseres Körpers und unsere Beziehungen zur äußeren Welt so steuert, dass wir am Leben bleiben. Wer sein Gehirn nur noch zum Denken zu nutzen versucht, wird entweder an seinem eigenen Denken verrückt oder bringt unter Umständen sich und andere für seine Ideen am Ende sogar um. Besser wäre es, wenn man sein Gehirn dazu benutzen würde, die Probleme zu lösen, die das Leben bereithält. Je häufiger das gelingt, desto besser wäre das für das Gehirn.

Wie können wir Potenzial noch besser nutzen, um die „Innovationsrate“ hoch zu halten?

Hüther: Potenziale können Sie gar nicht nutzen, weil es ja eben nur Potenziale, also Möglichkeiten sind, also etwas, was erst noch entfalten werden müsste. Und wenn es entfaltet ist, wenn man also beispielsweise nun schwimmen kann, ist es kein Potential mehr, sondern eine Fähigkeit, über die sie verfügen. Eine Ressource.

Was reizt Sie besonders an der Verbindung zwischen Hirnforschung und Wirtschaft? Die zwei Felder werden meist ja nicht gerade in einem Atemzug genannt.

Hüther: Die Art und Weise, wie moderne Gesellschaften organisiert sind, wird heutzutage maßgeblich von wirtschaftlichen Interessen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten bestimmt.

Das ist schon etwas sonderbar angesichts der Tatsache, dass dieses von uns entwickelte Wirtschaftssystem ja eigentlich dem Menschen dienen sollte, nicht umgekehrt.

Also versuche ich es noch einmal andersherum und frage die Ökonomen, wozu sie dieses System so organisiert haben, wie es heute organisiert ist – so, dass es Menschen als Ressourcen nutzt statt ihre Potenziale zu entfalten.

Wie ist das Feedback aus der Wirtschaft, bspw. in Seminaren und bei Vorträgen?

Hüther: Ein Drittel Begeisterung, ein Drittel stille Zustimmung und ein Drittel ignorante Ablehnungsversuche, die aber nicht so recht klappen, weil es doch zu sehr das eigene Leben betrifft.

Dortmund, im November 2010

Fragesteller: [ID]factory / Sebastian Kommander