01.08.2011

KUNST IN AUßERKÜNSTLERISCHEN FELDERN: INTERVIEW MIT PROF. URSULA BERTRAM

Prof. Ursula Bertram
Prof. Ursula Bertram

Ursula Bertram ist Künstlerin und Professorin an der TU Dortmund. Ihr Forschungsschwerpunkt ist der Kunsttransfer, präziser der Transfer künstlerischen Denkens in außerkünstlerische Felder wie Wirtschaft und Wissenschaft. Gemeinsam mit dem Büro für Innovationsforschung BfI gründete sie das bundesweite Modellprojekt Zentrum für Kunsttransfer mit der [ID]factory als Lehr- und Entwicklungsraum für non-lineares, künstlerisches Denken.

"Künstlerisches Denken und Handeln sind in den Fokus gerückt, insbesondere bei der Suche nach neuen Impulsen für die wirtschaftliche Entwicklung. Kann man wissenschaftliches und künstlerisches Denken als gemeinsame Kraft der Erkenntnisgewinnung mit unterschiedlichem Ansatz sehen? Wissenschaftliche Forschung beruht auf einem festgelegten Kanon von Vereinbarungen, der neben dem Gebot der Wahrheit, die Objektivität, Analyse und Verifikation für unverzichtbar erklärt. Künstlerische Forschung beruht auf der Basis einer subjekt- und erfahrungsbezogenen Wahrnehmung der Welt in einer offenen Netzstruktur , die explizit nicht auf festen Vereinbarungen beruht. Der bisherige Austausch von Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft war noch zu stark auf materielle Objekte, Medien und Produkte fixiert und weniger auf den geistigen Prozess.

Eine nachhaltige Veränderung offener Denkstrukturen durch künstlerisches Denken in außerkünstlerischen Feldern ist weder in schnelllebigen Workshops, noch durch theoretische Wissensvermittlung möglich. Eine solide Verankerung in der Bildung ist für die Herausforderungen der Zukunft unumgänglich. Künstlerisches Denken ist nicht disziplinär gedacht, sondern ist u.a. in jeder Neuentwicklung enthalten." (Prof. Ursula Bertram)

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Was können wir von der Kunst lernen?

Ursula Bertram über künstlerisches Denken und die IDfactory

Künstlerisches Denken in außerkünstlerischen Feldern, was heißt das für Sie?

Ein entscheidender Ort für Entwicklung sind Grenzen. Mich interessiert es, wenn Dinge aufeinanderprallen, die erstmal nicht zusammengehören. Das Potenzial an Synergien ist dann enorm hoch. Ich habe künstlerisch bereits vielfach daran gearbeitet: Welten, die sich begegnen oder eine Beziehung anfangen, unter anderem an vier Eröffnungs-veranstaltungen der Universität, darunter die intermediale Tanz-Choreografie Maria liebt Rè (hier den ägyptischen Sonnengott) im Harenberg-Center. Grenzbegegnungen waren ebenfalls meine Zusammenarbeit mit dem italienischen Regisseur Nullo Facchini. Wir hatten zur Eröffnung der Kulturhauptstadt Kopenhagen ein Tanztheater am Meer inszeniert, das durchwebt war von allen möglichen Disziplinen, die zeitgleich operierten: Video, Sprechtheater, Orchester, Tanz, Installation, Performance und Lichtinstallation.

Seit etwa zehn Jahren interessiert mich die künstlerische Beziehung zu außerkünstlerischen Feldern wie Wissenschaft und Wirtschaft. Es könnte eine wahre Liebesbeziehung werden, wenn wir die Sackgasse ›Wirtschaft fördert Kunst‹ einmal umdrehen und schauen, was die Implementierung künstlerischer Prozesse in der Wirtschaft und Wissenschaft bewirken kann. Künstlerisches Denken ist eine ganz andere Art, an Probleme und Herausforderungen heranzugehen. Intuition und Innovation spielen in diesem Zusammenhang eine große Rolle, und da denke ich, ist die Kunst anderen Bereichen um einiges voraus.

Nehmen wir mal einen Bereich heraus, den wissenschaftlichen zum Beispiel. Wie kann das künstlerische Denken dort weiterhelfen?

Erst einmal treffen dort ja zwei verschiedene Systeme aufeinander. In der Kunst ist eher das non-lineare Denken beheimatet, die Wissenschaft zeichnet sich vor allem durch lineares Denken aus. In der Wissenschaft gibt es eine Vorgabe, auf die hingearbeitet wird. Ein bestimmtes Ergebnis steht im Vordergrund. Aufbauend auf dieses Ergebnis oder die Hypothese geht es dann in der Forschung geordnet weiter. Künstlerisches Denken ist etwas diametral anderes. Es streut mehr, geht andere Wege, nimmt Umwege, bleibt prozesshaft offen und ist nicht immer auf ein bestimmtes Ergebnis programmiert. Eine solche Denkweise ist im wissenschaftlichen System nicht angelegt, also besteht für mich die Hauptfrage darin, wie die zwei Bereiche erfolgreich zusammenkommen können.

Genau hier setzt auch die IDfactory an, die Sie 2007 an der TU gegründet haben. Was war Ihr Hauptanliegen, als Sie mit einem künstlerischen Institut in Hallen, die bisher als Chemietechniklabor genutzt wurden, eingezogen sind?

Wir wollten uns von Beginn an für alle Disziplinen öffnen, um möglichst interdisziplinär arbeiten zu können. Die erste Idee dazu hatte ich bereits 2001 in Zusammenarbeit mit dem Büro für Innovationsforschung Mainz. Uns wurde klar, dass viele Kompetenzen von Künstlern und Führungskräften, beispielsweise aus der Wirtschaft, gleich sind. Von da an war es ein stetiger Fortschritt bis hin zur Gründung der IDfactory, die wir auch räumlich ganz bewusst im eher naturwissenschaftlichen, technischen Teil der Universität ansiedeln wollten. Begonnen haben wir, noch vor der Gründung der IDfactory, mit Seminaren für Künstler und Manager, die sich vorrangig mit dem Kunsttransfer auseinandersetzten. Bis heute hat sich das Angebot sehr stark erweitert: Jedes Semester bieten wir interdisziplinäre Seminare an, die von vielen Studentinnen und Studenten aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen besucht werden. Außerdem haben wir mit der Erfinderwerkstatt eine Möglichkeit geschaffen, wo sich Studierende kreativ entfalten können und eine eigene Herangehensweise an die Kunst und vor allem den Kunsttransfer finden können. Die Ringvorlesung Innovation – wie geht das? bereichert unser Angebot zusätzlich, mit vielen Gastrednern aus unterschiedlichen Disziplinen und Universitäten können wir Blickwinkel erzeugen, die in dieser Art nicht oft zusammenkommen.

Worauf sind Sie bei der IDfactory besonders stolz?

Auf das, was in so kurzer Zeit daraus geworden ist, wie eine bloße Idee von Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Studierenden mit Leben gefüllt wurde. Zu Beginn war uns klar, dass wir einen Ort brauchen, der übersprachlich funktioniert, sprich die verschiedenen Sprachen, die einzelne Disziplinen ihr eigen nennen, verbinden und zusammenführen kann. Wir wollten einen Ort, der Kreativität zulässt, ohne dass diese in der Kunst gefangen wird. Ein übersprachlicher Ort, der ohne das Handlungskonzept von Richtig und Falsch auskommt, an dem persönliche Kompetenzen und Stärken ausgebildet werden. Ich spreche bei der IDfactory immer gerne von einer Freiluftzone, um in eigener Verantwortung Erfahrungen zu machen, die nicht durch Wissen generiert werden, sondern die Wissen erzeugen. Die Studentinnen und Studenten lernen voneinander, sie also sind Lernende und Lehrende zur gleichen Zeit.

Das hört sich ganz und gar nicht nach Frontalunterricht an.

Nein, denn es ist genau das Gegenteil. Wir Lehrende sind mehr als Moderatoren und Motivatoren zu sehen. Der Hauptimpuls geht von den Studentinnen und Studenten aus. Was dabei herauskommt, ist Kreativität. Meine Aufgabe ist es, die Bälle zurück zu spielen. Ein Konzept, das ich dahingehend entwickelt habe, ist das ›Wegdenken‹, das ich auch gerne selbst anwende, um Kreativität zu ›erzeugen‹.

Wegdenken‹? Was bedeutet das?

Bei mir fängt das schon im Alltag an. Ich versuche mich regelmäßig ›wegzudenken‹, zum Beispiel indem ich das Gegenteil denke, um bevorstehende Entscheidungen und Herausforderungen aus einem anderen Blickwinkel sehen zu können. So werden angestaubte Muster und Klischees aus dem Kopf eliminiert. Das ermöglicht dann eine neue Sicht auf die Dinge, die sehr erfrischend und inspirierend sein kann und spart letztlich enorm viel Zeit. Es ist gleichzeitig eine Flucht aus dem Alltag und eine Konzentration auf Bereiche fernab der Regelwerke. Das versuchen wir auch den Studierenden zu vermitteln, zum Beispiel durch Übungen, in denen sie normale Gegenstände, die uns aus dem täglichen Leben bekannt sind, nehmen sollen, um daraus etwas völlig Neues zu kreieren. Das Objekt wird zum Hauptgegenstand eines Krimis, oder zur Werbekampagne einer Firma, wird wissenschaftlich falsifiziert oder vor der Mensa höchstbietend verkauft. Was dabei herauskommt, ist immer faszinierend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass man schon mit etwas Übung das ›Wegdenken‹ praktizieren kann.

Kann ›Wegdenken‹ dann auch gleichbedeutend sein mit ›in etwas anderes hineindenken‹?

Das ist das Schöne daran: ›Wegdenken‹ eröffnet einem so viele neue Möglichkeiten. So entsteht Innovation. Und ohne Innovation kommen wir nicht weiter, soviel steht schon mal fest. Das gilt für die Kunst genauso wie für alle anderen Bereiche des Lebens. In einem neuen Seminar, das wir im Sommersemester 2010 zum ersten Mal angeboten haben, sind die Teilnehmer beispielsweise in die Haut eines anderen geschlüpft, um sich so in einer ganz neuen Art und Weise mit einem Thema aus-einanderzusetzen. Wir nennen das unsere ›Junior-Ringvorlesung‹: Anstatt die Experten aus anderen Fachrichtungen und Lebenswelten einzuladen, übernehmen unsere Studierende die Rolle der Vortragenden. Sie setzen sich mit dem Werk eines Künstlers, eines Managers oder eines Wissenschaftlers auseinander. Aber anstatt, wie sonst oft vorgesehen, ein Referat über die Person und die Thematik zu halten, fordern wir sie dazu auf, für eine kurze Zeit die Person zu sein. Es ist eine kreative Art, Wissen zu vermitteln und zu kreieren, und wir hoffen, dass die Studierenden davon profitieren, beispielsweise, wenn sie eigene Meinungen und wissenschaftliche Ergebnisse präsentieren. Gerade im Kulturhauptstadt-Jahr sind ja viele Studierende selbst als Kunstschaffende oder Vortragende unterwegs – in der IDfactory lernen sie, wie man anderen etwas überzeugend vorstellt.

Sie erwähnten das Kulturhauptstadt- Jahr, in dem auch Sie und die IDfactory vertreten sind. Was wird im Rahmen der RUHR.2010 passieren?

Das Kulturhauptstadt-Jahr ist enorm spannend für die Kultur- und Kunstschaffenden, aber auch für die Region und die Menschen, die hier leben. Es gibt 2010 so viele Veranstaltungen aus verschiedenen Disziplinen, oft kommen auch verschiedene Bereiche auf kreative Art und Weise zusammen, um gemeinsam etwas entstehen zu lassen. Wir haben uns dafür entschieden, ein Symposium zum Thema Kunst fördert Wirtschaft abzuhalten. Darin werden wir uns der Innovationsforschung widmen. Wie schon eingangs erwähnt, empfinde ich die Frage nach dem Transfer künstlerischer Denkprozesse und Methoden in außerkünstlerische Felder wie Wissenschaft und Wirtschaft als eine sehr wichtige und zukunftsträchtige; das Symposium stellt genau diese Frage und wird versuchen, sie mit Hilfe von Experten aus ganz unter - schiedlichen Bereichen zu ergründen und möglicherweise zu beantworten. In Kooperation mit der Deutschen Arbeitsschutzausstellung (DASA), dem Büro für Innovationsforschung und dem Grönemeyer-Institut konnten wir viele renommierte Querdenker einladen, also Menschen, die auf der Basis eines profunden Wissens gelernt haben ›wegzudenken‹. Unter anderem werden am 21. und 22. November der Mediziner Prof. Dietrich Grönemeyer, die Berliner Choreographin Reinhild Hoffmann, Neurologe Prof. Gerald Hüther und viele andere mit eigenen Gedanken zum interdisziplinären Diskurs über Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft beitragen.

Mit dem Titel des Symposiums Kunst fördert Wirtschaft sind wir wieder am Anfang Ihrer Argumentation. Wie sollte die Zukunft dieser Symbiose aussehen?

In der Symbiose müssen wir einen Blickwechsel wagen. Wir müssen erstmal wegkommen und wegdenken von den festgefahrenen Begriffen und der visuellen Oberfläche, an die oft gedacht wird, wenn von Kunst die Rede ist – die Endprodukte wie Bilder, Skulpturen, Objekte oder Künstler und deren Personality. Natürlich gibt es auch für diese Denkweise eine profunde Berechtigung, jedoch ist Kunst weit mehr als das. In Zukunft wird aus meiner Sicht der bisher wenig beachtete Prozess der künstlerischen Erkenntnis-gewinnung, der schlussendlich zu den Kunstwerken führt, verstärkt in den Fokus rücken. Das will ich auch mit der Lehre und Arbeit in der IDfactory an der TU Dortmund fördern. Wir sehen doch, dass Innovationskompetenz und Erfindungskraft immer wichtiger werden, in allen Bereichen unseres täglichen Lebens. Künstlerisches Denken wird ein maßgeblicher Impulsgeber für alle Bereiche, in denen es darauf ankommt, innovationsfähig zu bleiben. Wir arbeiten im Zentrum für Kunsttransfer inzwischen mit Unternehmen, Forschungsinstituten und anderen Universitäten an spannenden Projekten und Fragen. Der Erfolg unserer Studentinnen und Studenten in der IDfactory und auch außerhalb gibt uns Anlass zu denken, dass wir auf einem sehr guten Weg sind.

(Quelle: mundo, Ausgabe 12/10, Fragesteller: John-Sebastian Komander)

Zitat Prof. Bertram
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Tim Ullrichs & Prof. Bertram
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Prof. Bertram
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