01.06.2011

SZENOGRAPHIE: INTERVIEW MIT PROF. DR. KILGER

Prof. Dr. Kilger
Prof. Dr. Kilger

Das Juni-Interview befragt den Physiker, Philosophen und Künstler Prof. Dr. Gerhard Kilger, seit 1988 Direktor der DASA - Deutsche Arbeitsschutzausstellung in Dortmund. Prof. Kilger hat in den Jahren 1975 - 1980 als einer der ersten Experten für Mikrominiaturisierung auf internationaler Ebene an der Erarbeitung der physikalischen Grundlagen für spätere Chipherstellung mitgewirkt und dabei an internationalen Kongressen und Kooperationen mitgearbeitet. Als Leiter der DASA, einem der größten und modernsten Technikmuseen Deutschlands, setzte er wegweisende, innovative Impulse für szenische Ausstellungskonzepte und –choreografien.

Am 21. November 2010 sprach er im Rahmen des Symposiums „Kunst fördert Wirtschaft“ in Dortmund zum Thema „Künstlerische Ansätze zur Vermittlung und Visualisierung in der wissenschaftlichen Forschung“.

„Was wäre eine Betriebsanleitung ohne Zeichnung!“ (Prof. Dr. Gerhard Kilger)

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Zur Person:

Prof. Dr. Gerhard Kilger wurde 1946 in Tübingen geboren. Er studierte an den Universitäten Freiburg und Tübingen Physik und Philosophie, bevor er 1980 am Institut für Angewandte Physik der Universität Tübingen über Elektronenstrahllitographie promovierte. Seit 1972 ist Kilger in seiner Nebentätigkeit als freier Künstler und Dozent für Lithographie an der Europäischen Sommerakademie in Trier, an der Universität Tübingen und den Künstlerhäusern in Heidelberg, Mannheim und Tübingen. Von 1980 bis 1988 war er Konservator und Oberkonservator am Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim, bevor er 1988 Direktor der DASA (Deutsche Arbeitsschutzausstellung). Die DASA ist als Bundeseinrichtung eines der größten und modernsten Technikmuseen Deutschlands (12.900 qm Ausstellungsfläche). Sie erhielt 1996 den Michelettipreis für das beste europäische Technik- und Industriemuseum.

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Versteht der Mensch etwas besser, wenn er es mit seinen eigenen Augen sehen kann?

Prof. Dr. Gerhard Kilger: Was wäre eine Betriebsanleitung ohne Zeichnung! Jeder weiß, dass Visualisierungen besseres Verständnis erzeugen.

Soll wissenschaftliche Vermittlung dann vor allem visueller Natur sein?

Kilger: Visuelle Vermittlungen von abstrakten naturwissenschaftlichen Vorgängen – z. B. eines Atoms – können allerdings auch falsche Vorstellungen erzeugen: die atomare Welt hat weder Form noch Farbe. D. h. die visuelle Vermittlung muss sich vom Abbildungscharakter lösen und benötigt kreative Darstellungen.

Als Leiter der DASA öffnen Sie indirekt vielen Menschen die Augen, erklären Technik und Wissenschaft. Ein Traumjob?

Kilger: Ein Traumjob, ja! Allerdings ist dieser auch stark durch Bürokratie versalzen!

Sie selbst sind Physiker, also eher ein Wissenschaftler. Woher kam der Antrieb, aus der Wissenschaft in die Wissens- und Technikvermittlung zu gehen?

Kilger: Als Philosoph bin ich Physiker geworden, um herauszufinden, was die Naturwissenschaften wirklich machen. Mit beiden Ausbildungen habe ich mich dann daran gemacht, dies anderen zu vermitteln.

Die DASA wird für viele ihrer innovativen Ausstellungskonzepte gepriesen – was zu einem großen Teil Ihr Verdienst ist. Was muss eine gute Ausstellung haben, um Interesse in den Besuchern zu wecken?

Kilger: Eine innovative Ausstellungsgestaltung muss die Erwartungshaltung des Publikums weit übertreffen. Die Leute sollen staunen und die Faszination mit nach Hause und in ihren Beruf mitnehmen. Und diese Faszination lässt sich nur durch eine erlebnishafte Szenographie erzeugen.

Muss der Besucher heute mehr denn je visuell angesprochen werden? Reicht also nicht mehr der althergebrachte Aufbau vom Exponat und einer Erklärungstafel?

Kilger: Nur wenige Exponate können Faszination erzeugen, im Gegenteil: kein Objekt spricht für sich. Die Texttafeln allein können Exponate nicht zum Sprechen bringen, jede Ausstellungspräsentation muss auf den gut gestalteten Kontext eingehen.

Ist das ein Fluch oder Segen?

Kilger: Eher ein Segen, andernfalls hätten wir nur Hinstellungen, keine Ausstellungen.

Die DASA ist eine Ausstellung zum Anfassen und Mitmachen. Wie wichtig sind diese Faktoren, wenn es darum geht, Besuchern etwas zu vermitteln?

Kilger: Wir haben schon festgestellt, wie wichtig Visualisierungen sind. Gute Vermittlung wird allerdings durch das Ansprechen aller Sinne erreicht, sie sind dadurch nicht nur effektiver, sondern wirken auch wesentlich nachhaltiger nach.

Ist das Interesse an Wissenschaft und Technik heute größer als bspw. noch vor 20 Jahren?

Kilger: Dieses Interesse ist eher gesunken. Besonders bei Kindern ist eine hohe Interessenlosigkeit an Wissenschaft und Technik feststellbar. Diese Erscheinung geht einher mit der wesentlich höheren Verfügbarkeit von Technik.

Was halten Sie von Fernsehsendungen wie z. B. Galileo oder Planet Wissen, die versuchen, komplizierte Themen für ein Millionenpublikum aufzubereiten?

Kilger: Die genannten Sendungen sind spitze! Allerdings kann man selbst nichts anfassen oder mitmachen.

Sie selbst sind nicht nur Wissenschaftler, sondern auch freischaffender Künstler und Philosoph. Also Rationalität auf der einen Seite, Kreativität auf der anderen. Man könnte meinen, dass die beiden Seiten sich gegenseitig aufheben?

Kilger: Albert Einstein hat einmal gesagt, dass die Arbeit eines Physikers beim Entwurf neuer Modelle eher mit dem Zustand von Verliebt sein als mit rationaler Arbeit vergleichbar ist. Große Leistungen setzen beide menschlichen Seiten voraus, sie heben sich nicht gegenseitig auf.

Im Rahmen des Symposiums „Kunst fördert Wirtschaft“ werden Sie zum Thema „Künstlerische Ansätze zur Vermittlung und Visualisierung in der wissenschaftlichen Forschung“ sprechen. Wie wichtig ist die künstlerische Arbeit für die Vermittlung von Forschung?

Kilger: Forschungsergebnisse können in ihrer wissenschaftlichen Aussage durch ihre Komplexität nur wissenschaftlich ausgedrückt werden. Allerdings haben diese alle ihren Kontext und ihre Bedeutung. Um ein Forschungsergebnis einzuschätzen, muss man – wie wir sagen – „im Bilde sein“. D. h. wir sollten die Bedeutung im Bilde begreifen können, also nicht wissenschaftlich. Auch hier gilt die Feststellung von Martin Heidegger: Das Wesen der Technik ist nichts Technisches. Wenn Künstler wissenschaftliche Inhalte zum Gegenstand haben, dann sind sie dem Wesen von Forschungsergebnissen auf der Spur.

Können Sie in Beispiel geben?

Kilger: Als Beispiel nenne ich Ihnen die Installation von Harald Fuchs zum physikalischen Problem von „Schroedingers Katze“.

Dortmund, im November 2010

Fragesteller: [ID]factory / Sebastian Kommander

Interview Prof. Kilger_freigegeben.pdf (169,78 kB)
Zitat Prof. Kilger
Zitat Prof. Kilger
Prof. Kilger und Prof. Bertram
Prof. Kilger und Prof. Bertram
Vortrag Prof. Kilger
Vortrag Prof. Kilger