01.07.2011

VISUAL THINKING: INTERVIEW MIT DR.-ING. WERNER PREIßING

Dr.-Ing. Preißing
Dr.-Ing. Preißing

Dr.-Ing. Werner Preißing, Architekt, Systemanalytiker und Autor, gilt als Vordenker für Neuronales Management und performative Unternehmenskunst. Er publizierte u.a. zum Thema „Visual Thinking“ als kreatives Problemlöseverfahren.

"Der Stubengelehrte ist out, interdisziplinäre, interkulturelle und internationale Netzwerke sind gefragt. In einer Zeit zunehmender Verflechtung von Aufgaben und Problemen in allen Bereichen unseres wissenschaftlichen, sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens liegt eine der zentralen Aufgaben darin, eine Sprache zu finden, mit Hilfe derer Komplexität auf ein verständliches und diskutierfähiges Maß reduziert wird.
Visual Thinking beinhaltet das „langsame Verfertigen von Gedanken in Skizzen“ und verhilft dazu, sich selbst über ein Thema besser im Klaren zu werden und mit anderen den Kern eines Sachverhaltes ohne sprachliche Barrieren zu diskutieren.
Die dazu entwickelte Sprache der systemischen Denkskizzen ist ein Hilfsmittel zur interdisziplinären und globalen Verständigung." (Dr.-Ing. Werner Preißing)

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Zur Person:

Dr.-Ing. Werner Preißing, Architekt, Systemanalytiker und Autor, gilt als Vordenker für Neuronales Management und performative Unternehmenskunst. Er promovierte an der Fakultät Bauwesen in Stuttgart im Bereich Systemanalyse. 2003 gründet er den Studiengang Architekturmanagement an der Steinbeis-Hochschule Berlin, 2007 das Zentrum für Kunsttransfer mit der TU Dortmund. Er ist Vorstand der Unternehmerberatung Dr.-Ing. Preißing AG und Geschäftsführer des BfI, Büro für Innovationsforschung, Mainz. Der Autor publizierte u.a. zum Thema „Visual Thinking“ als kreatives Problemlöseverfahren.

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„Das non-lineare Denken bestimmt die Zukunft“

Querdenker Werner Preißing erklärt im Gespräch mit der IDfactory, warum wir die Macht des Internets als großes Gehirn unterschätzen. Außerdem verdeutlicht der Architekt und Stratege, weshalb Menschen lernen sollten, non-linear zu denken und wie sich Manager, Politiker und Lehrer auf ein neues Zeitalter einstellen.

Herr Dr. Preißing, die politische Umwälzung in den Maghreb-Staaten wurzelt auch in der Kommunikation via sozialer Netzwerke. Stichwort Facebook. Sie selbst gelten als Verfechter dezentraler Denkstrukturen. Sind Sie dennoch überrascht von der neuen Macht der virtuellen Netze?

Überrascht hat mich die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung. Begonnen hat das Internet als ernstzunehmendes Medium so um 1995. Also vor nicht mal 16 Jahren. Und wenn ich nun bedenke, dass in Tunesien, Ägypten usw. diese Technologie Treiber oder gar elementarer Kommunikationsbaustein des Widerstands und der Revolution gegen die Machthaber ist, so bin ich tatsächlich überrascht.

Erwartet haben Sie aber, dass Vernetzung die Voraussetzung für den Wandel ist?

Grundsätzlich sind Teamarbeit und Vernetzung keine neuen gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie sind seit Jahren in der Diskussion. Anwendung finden sie in vielen Bereichen des täglichen Lebens, vor allem in Betrieben. Die Vorteile einer vernetzten Welt sind überall ersichtlich: Neulich sprach ich mit einem Architekten, der via Social-Netzwerk einen Expertenrat für eine knifflige Bau- und eine Steuerrechtssache suchte. Innerhalb von einem halben Tag lieferte die Community ihm wertvolle Tipps wie er sein Problem angehen könne. Früher hätte allein die Korrespondenz Tage gedauert. Vom Aufbau eines nutzbaren Netzwerkes ganz zu schweigen. Aber natürlich gibt es auch Nachteile. Als ich 1975 an meiner Dissertation arbeitete gab es rund 220 Titel, die sich mit meinem Thema beschäftigten. Wer heute promoviert und Quellen via Google und Co. sucht, erhält in Millisekunden Unmengen an Informationen. Die ja auch, wie die jüngste Vergangenheit im Fall des zurückgetretenen Verteidigungsministers zeigen, zum Missbrauch einladen.

Wie wirkt sich die Vernetzung auf das Denken der Nutzer aus?

Nach meiner Beobachtung ist derzeit die Hardware, also die Internettechnologie, der Software, sprich dem Denken der Anwender, voraus. Vernetzung und die dadurch entstehende Geschwindigkeit und Transparenz erschrecken viele Menschen. Wie wir in Nordafrika sehen, unterschätzt die Politik die Technik ebenfalls. Es wird Zeit für ein Software-Update und dazu gehört das non-lineare Denken.

Die nächste Stufe wäre dann das Denken mit einem Gehirn. Darunter verstehe ich nicht etwa Meetings, die Einzelne oft zur Profilierungsplattform missbrauchen. Es geht vielmehr um das hierarchiefreie Nachdenken und den Austausch zu einem Thema, um schneller und effizienter zu einer Lösung zu kommen.

Auch in der westlichen Wirtschaft verändert das Internet die Kommunikation und das Denken grundlegend. Hinzu kommen Erkenntnisse aus der Hirnforschung. Welche Auswirkungen sehen Sie?

Wirtschaftssysteme können nicht isoliert betrachtet werden, sie sind vielmehr Teil der Gesellschaft. Die in den vergangenen Jahren entstandene Wissensgesellschaft ist jedoch noch keine Erkenntnisgesellschaft. Denn dazu gehören Erfahrungen und die fehlen uns im Umgang mit dem vielen, sich ständig verdoppelnden Wissen. Die Hirnforschung bestätigt im Übrigen meine These der Vernetzung. Sprach man früher von Zentren innerhalb des Gehirns, die auf einen Reiz reagieren, so wissen Forscher heute, dass ganze Areale angesprochen werden. Das Gehirn arbeitet neuronal und non-linear vernetzt.

Was wird uns in den kommenden Jahren hinsichtlich der Vernetzung noch erwarten?

In der Politik sind heute schon die Konsequenzen spürbar. Die Zeit der geheimen Entscheidungen und der Basta-Politik sind vorbei. Enthüllungsplattformen wie Wikileaks tragen dazu bei. Oder nehmen Sie den Protest der Bürger gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21. Gleichgültig, ob man die direkte Demokratie begrüßt oder nicht, in Zukunft wird das Volk mehr Druck ausüben und mitbestimmen. In der Wissenschaft ist der Erkenntnisgewinn durch Vernetzung ebenfalls sichtbar. Zumindest, wenn sprachliche und räumliche Diskrepanzen überbrückt werden. Beeindruckend fand ich etwa einen Bericht im WDR (Sendung vom 29.3.2011) über die Entwicklung einer Beinprothese. Eine interdisziplinäre Forschungsgruppe um den Physiker Andre Seyfarth, an der Universität Jena, die sich mit diesem Thema befasst, besteht aus Sportwissenschaftlern, Ingenieuren, Biologen und Informatikern. Wo früher linear, also einer nach dem anderen an so einem Hilfsmittel gearbeitet hat, vernetzen sich heute mehrere Fachdisziplinen, um schneller ein besseres Produkt zu entwickeln.

Sie arbeiten als Unternehmer-Berater viel mit Chefs und Firmenlenkern zusammen. Welche Konsequenzen hat non-lineares Denken für die Macher der Marktwirtschaft?

In erster Linie ein Umdenken in der Personalpolitik. Die Manager müssen lernen, das non-lineare Denken zu fördern. Es geht darum, versteckte Potentiale bei Mitarbeitern freizusetzen. Doch das geht nicht per Anordnung von oben. Es geht stattdessen über eine Kultur der Freiheit des Einzelnen. Chefs sind da als Moderatoren gefragt, sicher auch als Macher, die Prozesse umsetzen, aber das geht künftig nur noch mit den Mitarbeitern. Wer sich nicht um sein Personal kümmert, verliert schnell den Anschluss. Vor allem große Firmen haben das längst erkannt. Der demografische Wandel tut sein übriges.

Sie referierten vor kurzem beim Dortmunder Symposium „Kunst fördert Wirtschaft“. Auch da ging es um neue Denkweisen. Wie können Prozesse aus der Kunst, die von vielen Leuten als Eigenwelt betrachtet wird, in die Wirtschaft einfließen?

Künstlerisches Arbeiten ist grenzübergreifend. Im Denken und im Handeln. Ich erinnere mich an den Berliner Performance-Künstler Wolfgang Flatz, der eine tote Kuh aus einem Hubschrauber geworfen hat. Oder der eingemauerte Mercedes Benz in einer Betonwand. Das Statussymbol steckte fest. Solche Aktionen erfordern Mut. Sie brechen mit Klischees. Es muss allerdings nicht immer so brachial sein. Um Grenzen zu hinterfragen und zu übertreten braucht es eine sehr feine Wahrnehmung seitens der Künstler. Ein Unternehmer, der seine Firma für die Zukunft rüsten will, muss ähnlich grenzüberschreitend denken, handeln und ein Gespür entwickeln, will er neue Märkte, Technologien oder Produkte finden.

Ihre Kommunikationsmethode Visual Thinking wird in der Ausbildung an Hochschulen und neuerdings sogar an Schulen eingesetzt. Sie sagen, es beschleunigt Denk- und schließlich Arbeitsprozesse. Wieso?

Die Fähigkeiten zum „problemlösenden Denken“ sollen in der Pisa Studie 2012 neben der Fähigkeiten zum analytisch-logischen Denken besondere Beachtung finden. Aus Erfahrung weiß ich, dass die Visualisierung von Problemen in manchen Fällen bereits Ansätze zu deren Lösung beinhaltet. In der Tat ist es daher so, dass die Bildsprache Visual Thinking eine Möglichkeit ist, um das non-lineare, problemlösende Denken fördert. Wobei mir der Begriff non-linear nicht gefällt. Es wird Zeit, einen Begriff zu finden, der das Quer- oder vernetzte Denken treffender beschreibt. Das Ziel ist, Visual Thinking als Unterstützung des grenzüberschreitenden Denkens in Schulen zu verbreiten und es angehenden Lehrern als Handwerkszeug anzubieten. Derzeit verhandeln wir mit Stiftungen und Hochschulen über den Einsatz von Visual Thinking. Mehr kann und will ich dazu im Moment nicht sagen.

Ihre These ist: In einer immer komplexeren und verknüpften Welt hilft die Vereinfachung beim Begreifen von Mechanismen und Strukturen. Können Sie Beispiele liefern?

Sie sagen Vereinfachung, ich nenne es Unschärfe. Beim Dortmunder Symposium sprachen Künstler von verkratzten Brillen, die man aufsetzen müsse, um unscharf zu sehen. So könne der Blick für das Ganze geschärft werden. Managern rate ich in der Beratung das richtige Maß an Ungenauigkeit zu finden, um etwa Prognosen für die Zukunft geben zu können. Fragen Sie einen Steuerberater nach der Raummiete für das Objekt XY und Sie bekommen den Wert bis auf die zweite Zahl nach dem Komma. Für Prognosen ist die jedoch vollkommen irrelevant und sogar störend. Da wird bei 47.354,98 auf 50.000 Euro aufgerundet. Fertig. Sie sehen schon am Zahlenbeispiel, dass Ungenauigkeit Schärfe bringt.

Zum Schluss eine Frage zum kollektiven Gedächtnis: Kurzfristig konnte man meinen, durch die Finanz- und Bankenkrise habe in der Wirtschaft ein innehalten und sogar ein Umdenken hinsichtlich Werte und Nachhaltigkeit eingesetzt. Zwei Jahre später scheint wenig davon übrig zu sein. Können Sie das erklären?

Erklären kann man dieses Phänomen vielleicht mit den Zyklen von Nicolai Kondratjew. Der russische Wirtschaftswissenschaftler spricht von Innovationsschüben, die 45 bis 50 Jahre andauern. Angetrieben werden Entwicklungen dabei von einzelnen Highlights. Nehmen wir die Kernenergie als Beispiel. Durch die Katastrophen von Tschernobyl und jetzt Fukushima entwickelt sich in der Gesellschaft über Jahre hinweg eine Antibewegung. Zumindest in Deutschland. In Frankreich denken die Menschen anders über diese Technologie. Ähnlich wird es mit dem Finanzwesen sein. Es müssen weitere Krisen folgen, damit sich das Wertesystem ändert.

www.preissing.de

Das Interview führte Michael Sudahl im Auftrag der IDfactory

Dortmund, 2011

Fragesteller: [ID]factory / Michael Sudahl

Zitat Dr. Preißing
Zitat Dr. Preißing
Dr. Preißing & Prof. Kilger
Dr. Preißing & Prof. Kilger
Dr.-Ing. Werner Preißing
Dr.-Ing. Werner Preißing