KÜNSTLERISCHES DENKEN UND HANDELN

Aus dem Inhalt (Auszug):

Künstlerisches Denken subsumiert Forschungen, in denen es auch oder sogar insbesondere um Intuition und Zufall, Loslassen und Wegdenken geht, also nur um schwerlich objektivierbare und personenunabhängige Faktoren. Wie wir wissen, bedingt grundlegender, wissenschaftlicher Fortschritt immer das Verlassen gewohnter Denkweisen und beinhaltet das Überschreiten von Grenzen, um daraus eine neue Sichtweise der Zusammenhänge zu gewinnen. Es handelt sich um den Moment einer intuitiven, andersartigen Idee, eines Einfalls, der nicht auf einem wissenschaftlichen Prozess im klassischen Verständnis von Wissenschaft beruht: der Moment, in dem etwas Non-Lineares passiert, das die bisherigen überprüfbaren, falsifizierbaren und objektiven Erkenntnisse auf den Kopf stellt; der Moment des Wegdenkens, über das eigene Wissen hinaus Denkens, Unscharfwerdens und Anderssehens. Dieser Prozess ist nicht mit wissenschaftlichem Denken zu erklären, sondern allein mit künstlerischem Denken, das in guten Momenten in der Kunst, aber ebenso im wissenschaftlichen Kontext stattfinden kann.

Wer denkt künstlerisch?

Das könnte man, wenngleich unzureichend, folgendermaßen charakterisieren:

Künstlerisch denken alle,

  • die versuchen, über die gesetzten Grenzen hinaus zu denken,
  • die Neuland betreten, ohne zu wissen, was auf sie zukommt,
  • die einem Gedanken auch dann nachgehen, wenn er sich wissenschaftlich und wirtschaftlich nicht abbilden lässt,
  • die Konventionen in Frage stellen und über die methodischen und formalen Grenzen ihrer Disziplin hinaus denken,
  • die zweifeln können und Irritationen aushalten,
  • die eigene persönliche Erfahrung für genauso wichtig halten wie Wissen,
  • die in der Lage sind, Wissen und Erfahrung zu verknüpfen,
  • die den Mut haben, eigene rezeptfreie Positionen zu finden und zu vertreten,
  • die staubfrei denken und handeln können und Klischees meiden.

Wissenschaftliches und künstlerisches Denken?

Nur eine Richtung zu kennen, ist heute zu wenig. Zwei Richtungen zu kennen, ist der Anfang einer Akzeptanz. Zwei Richtungen zu akzeptieren und sich eine davon anzueignen, deutet auf erfolgreiche Teamarbeit hin. Zwei Richtungen zu kennen und verinnerlicht zu haben, könnte die Zukunft sein.

Ursula Bertram: Künstlerisches Denken und Handeln
Textauszug aus: Martin Tröndle, Julia Warmers (Hg.)
Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft
transcript-Verlag, Bielefeld 2011