WAS IST DAS GEGENTEIL VOM FROSCH? - INTERVIEW MIT [ID]FACTORY IN: M:CONVISONS, APRIL 2013

Prof. Dr. Eberhard Becker, Prof. Dr. Bazon Brock (v.l.), Foto: Mark Wohlrab
Prof. Dr. Eberhard Becker, Prof. Dr. Bazon Brock (v.l.), Foto: Mark Wohlrab

Wirtschaft und Wissenschaft brauchen Innovationen. Aber wie wird dieses begehrte Produkt „Innovation“ hergestellt? Die Heimat des innovativen Denkens ist die Kunst; davon ist Ursula Bertram, Professorin für Kunst und Interdisziplinäres Arbeiten, überzeugt. Mit der IDfactory, dem Zentrum für Kunsttransfer an der Technischen Universität Dortmund, beschreitet sie neue Wege und wendet künstlerisches Denken in außerkünstlerischen Feldern an. Sie will damit ein Potenzial an Innovationskraft aufdecken, aus dem Wissenschaft und Wirtschaft entscheidende Impulse schöpfen können.

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Welche Impulse versprechen Sie sich vom Transfer des künstlerischen Denkens in andere Bereiche?

Ich möchte das wissenschaftliche und das künstlerische Denken und Handeln gleichermaßen voranbringen. Aus meinen Erfahrungen heraus verspreche ich mir von einem Transfer des künstlerischen Denkens in andere Bereiche, zum Beispiel in die Wissenschaft, dass eine ganz neue Art der Innovationsfähigkeit entsteht. Es befähigt uns, das Wissen flüssig zu halten, die Methoden immer wieder zu erneuern, an den Grenzen zu operieren und insofern eine neue Integrationsfähigkeit zu erreichen. Wir sind gerade erst dabei, die „heilige“ Grenze zwischen Kunst
und Wissenschaft anzukratzen.

„Kunst fördert Wissenschaft“ war der Titel eines Symposiums, das Sie im November 2012 veranstaltet haben. Welche neuen Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Das Symposium – ein Nachfolgesymposium von „Kunst fördert Wirtschaft“ aus dem Jahr 2010 – stieß auf großes Interesse. 22 Hochschulen haben daran teilgenommen. 24 Disziplinen waren vertreten – angefangen von Wirtschaft, Kunst, Kunstwissenschaft und Theologie bis hin zu Chemie, Physik und Mathematik. Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Kunst waren bunt gemischt. Dies zeigt: Das überfachliche Interesse an Inhalten, die Kunst und Wissenschaft voranbringen, wächst. Unsere bestehenden Systeme sind in Sackgassen geraten. Wir haben an allen Ecken und Enden Probleme. Da geraten Systeme ins Blickfeld, die sich bisher sozusagen im Inseldasein fortgesetzt haben, wie die Kunst. Management, Führungskräfte und Wissenschaftler öffnen sich zunehmend künstlerischen Strategien. Das Symposium bestätigte, dass an vielen Stellen genau an diesem Thema gearbeitet wird.

Was charakterisiert das künstlerische Denken im Unterschied zum wissenschaftlichen Denken?

Zunächst: Das wissenschaftliche Denken ist ein Konstrukt. Das Gehirn selbst interessiert sich gar nicht dafür, ob wir das, was es tut, wissenschaftlich oder künstlerisch nennen. Es denkt einfach so vor sich hin. Professor Gerald Hüther, ein großer Denker und Neurologe, hat dies in seiner „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“ ausgeführt. Nutzt man das Gehirn allerdings lange Zeit auf eine bestimmte Art, dann richtet es sich dementsprechend aus und denkt dann so. Während das wissenschaftliche Denken nach Logik, Objektivität und Wahrheit sucht und ein Regelsystem aufgestellt hat, das alles ausschließt, was nicht beweisbar ist, funktioniert das künstlerische Denken vor allem nach der Regel, dass es keine Regel gibt. Es gibt zwar eine Kunstwissenschaft, die Kunstwerke nach diesen oder jenen Methoden analysiert. Wenn aber ein Kunstwerk generiert wird, steht man völlig allein da mit seinem Subsystem und muss in der Unsicherheit navigieren. Und jeder, der sagt, es gebe hierfür eine Regel, der täuscht sich. Mit dieser Unsicherheit umzugehen, haben wir vielfach nicht gelernt, aber es wäre gut, das zu lernen. Denn auch in der Wirtschaft und in der Wissenschaft finden sich die Verantwortlichen heute immer häufiger in solchen instabilen Prozessen und Situationen wieder.

Das heißt, wir sind alle in unserem Denken konditioniert?

Ja. In der Schule lernen wir vor allem das logisch-rationale Denken und das künstlerische Denken verschwindet in einem einstündigen Kunstunterricht, der ebenfalls zu 80 Prozent linear abläuft und bei Engpässen ausfällt. Non-lineares, zweckfreies Denken wird nicht gefördert und insofern denken wir auch nicht künstlerisch, weil wir es nicht können. Wir haben mit rationalem Denken in Europa zweifelsohne große Erfolge erzielt, sowohl in der Medizin als auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Aber wir sollten unser Wissen in Bewegung halten.

Ist denn künstlerisches Denken so eine Art Kreativitätstechnik?

Das künstlerisch-schöpferische Denken ist weder eine Kreativitätstechnik noch geht es dabei darum, Bilder zu malen oder Plastiken herzustellen. Das ist auch ein Vorurteil, das wir abschütteln müssen: Creativity is not a prisoner of art. Vielmehr liegt das künstlerische Denken, genau wie das wissenschaftliche Denken, eine Ebene darüber. Künstlerisches Denken kann sich überall befinden, in allen Köpfen, in jeder Disziplin, in jedem Lebensbereich. Es ist das Denken, das übrig bleibt, wenn ich die „Bilder“ abziehe. Es ist das non-lineare, schöpferische Denken und das ist überfachlich.

Wie kann man das trainieren?

Jeder kann in seinem Berufsfeld künstlerisch denken. Zum Beispiel könnte sich dies darin äußern, einfach mal das Gegenteil zu denken. Wenn man eine Weile darüber nachgedacht hat, was das Gegenteil von einem Frosch ist, dann beginnt man, neue Perspektiven zu ahnen. Ist es ein Elefant? Ist es ein Warmblüter? Ist es ein Stein? Wichtig ist, dass es bei den Übungen kein richtig und falsch gibt. Denn künstlerisches Denken braucht Vertrauen und Offenheit, sonst bleibt es bei der Kreativtechnik, die ich auch ohne Vertrauen aus dem Hut zaubern kann.

Kann jeder die Sprache der Kunst lernen?

Wir haben bestimmte Denkschemata im Kopf und diese produzieren bestimmte Weltsichten und Wahrheiten. Ein Wandel kann hier nur eintreten, wenn die Regelwerke im Gehirn es zulassen, dass wir andere Wege beschreiten und die ausgetretenen Gedankenpfade verlassen. Popper nennt dies Probierbewegungen. Das sind non-lineare Bewegungen. Und dieses probeweise Verrücken oder auch Verrücktsein, das kann jeder lernen. Wer kennt das nicht: Die besten Ideen fallen einem unter der Dusche oder beim Spaziergang im Wald ein. Warum? Weil das ein Moment der Loslösung ist, in dem der schöpferische Gedanke sich entfalten kann. Wenn wir das schon in der Schule genügend üben, wenn wir das genügend fördern würden, dann stünde uns ein ganz anderes schöpferisches Potenzial zur Verfügung. Wissenschaft und Wirtschaft würden sich noch besser bewegen können auf einer Art Flüssigkeitsmatrix des Denkens.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Ich würde sagen: Jede große wissenschaftliche Neuerung ist mit künstlerischem Denken gepaart, ob man das so bezeichnet oder nicht. Die beiden Zellforscher John B. Gordon und Shinya Yamanaka haben gerade den Nobelpreis für die Rückprogrammierung erwachsener Körperzellen in einen Zustand, in dem sie sich wie embryonale Stammzellen zu allen möglichen Gewebearten entwickeln können, erhalten. Sie haben also das Gegenteil gedacht zur bisherigen Forschungsrichtung. Fantastisch – egal, was man jetzt davon hält. Aber mal das Gegenteil zu denken von dem, was man die ganze Zeit tut, das gehört zum Feld des künstlerischen Denkens. Und das findet meines Erachtens bei allen innovativen wissenschaftlichen Erkenntnissen statt, auch wenn man es noch nicht so bezeichnet. Auch für die Wirtschaft könnte es hilfreich sein, sich vor großen Entscheidungen einen Tag lang mit einem Menschen auszutauschen, der künstlerisch denken kann und die Entscheidung mit einem neuen Blick durchleuchtet. Bevor man die Entscheidung bis zum Ende abwickelt und dann merkt, dass es nicht funktioniert.

Wie können Wissenschaft und Kunst zueinanderfinden – welche Voraussetzungen müsste man dafür schaffen?

Das ist gar nicht so einfach! Die Erkenntnisbasis ist die gleiche, aber die Regelwerke von Wissenschaft und Kunst scheinen unvereinbar. Die einen suchen in Richtung von der Person weg Objektivität und die anderen suchen in Richtung zur Person hin Subjektivität. Aber beide Systeme befruchten sich gegenseitig und darin liegt das Potenzial. Die Dokumenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev hat das erkannt, als sie im September 2012 Wissenschaftslabore in die Kunstausstellung holte. Damit hat sie Kunst als Forschung und Forschung als Kunst bestärkt.
Die wichtigste Voraussetzung, um Synergien zu schaffen, wäre, dass man schon in der Schule ab dem ersten Schuljahr Erfinderwerkstätten zuließe, in denen das künstlerische Denken sich entfalten kann. Erfinderwerkstätten, in denen permanent erfunden wird – egal ob mit Sinn oder ohne Sinn. Das wäre auf Dauer noch nachhaltiger, als Tagungen und Kongresse es sind, wenngleich wir damit elementare Grundlagen schaffen. Die Wirtschaft betrachtet den Austausch mit sehr viel Neugierde. Unsere Publikation „Kunst fördert Wirtschaft“ kam gerade zur rechten Zeit.

Wie müsste eine solche Erfinderwerkstätte aussehen?

Die ideale Erfinderwerkstätte müsste ohne Noten und ohne Angst funktionieren, mit höchstmöglicher Begeisterung. Denn nur mit Begeisterung – das haben die Neurologen bestätigt – kann man schnell lernen. Es müsste Erfindungen geben, die im jeweiligen Schulalter interessieren, und es müssten alle Erfindungen zugelassen werden, ob sie sinnvoll oder sinnlos sind – zwar ohne Zweck, aber mit Verstand. Ideal wäre, wenn sich an Erfinderwerkstätten nicht nur Kunstpädagogen, sondern auch Kollegen aus den wissenschaftlichen Disziplinen beteiligen würden. Zusammen nach vorn.

Ist man als Künstler oder als Wissenschaftler geboren?

Man ist eher als Künstler geboren und dann formieren sich allmählich die Erkenntnisse, dass es irgendwelche Ordnungen gibt ,und die gehen dann über in das Vernunftregelwerk. Wenn man dann das erste Mal einen Ball aufgestochen hat und merkt, dass der gar nicht mehr hüpft, dann ist das non-linear gelernt und vieles lernt sich non-linear. Ich denke mir, man wird mehr als Künstler geboren und als Wissenschaftler formiert man sich. Aber es steckt in jedem von uns ganz viel Kreativität; man muss es nur zulassen und natürlich muss es auch unser Umfeld zulassen. Wir arbeiten daran!
www.id-factory.de

in: m:convisons, April 2013

Das Interview als PDF finden Sie unter:

http://www.id-factory.de/Publikationen/Was-ist-das-Gegenteil-vom-Frosch-Interview-mit-Professor-Ursula-Bertram-in-m-convisons-April-2013